Schlechteste Schauspielerin aller Zeiten — diesen Titel bekam Mariah Carey nach ihrem Kameradebüt Glitter (2001) verpasst. Zu Recht! Neun Jahre später — und mit einer neuen Liebe an ihrer Seite — hat sie den Mut für einen zweiten Anlauf gefunden. Und siehe da: Im zweifach Oscar-prämierten Drama Precious zeigt Carey in der Rolle einer Sozialarbeiterin Talent. Ein rarer Blick hinter die Maske des Superstars — auch weil sie ohne Make-up zu sehen ist. Kurz vor ihrem 40. Geburtstag — am 27. März — scheint sie reif genug, aus dem Image der Glamour-Diva auszubrechen. Aber beim Interview im Designerhotel 314 in Cannes lässt sie durchaus noch erkennen, dass das Leben auch manche Narben hinterließ…
Sie stehen ja kurz vor Ihrem Vierzigsten…
Halt, nehmen Sie das böse V-Wort nicht in meiner Anwesenheit in den Mund. Wechseln wir bitte sofort das Thema.
Okay — nehmen wir ein anderes schockierendes Thema. Sie treten ja in Precious ohne Make-up auf. Wie furchtbar war das für Sie?
Überhaupt nicht. Und es ging nicht bloß darum, auf Make-up und Hairstyling zu verzichten. Ich wurde auch in einem furchtbaren Licht aus total unvorteilhaften Blickwinkeln gefilmt. Zudem wollte man mir eine künstliche Nase verpassen. Aber die fing an meine Haut zu zerfressen — die ist sehr empfindlich, und so nahmen wir das Ganze ab. Trotzdem haben mich viele Leute nicht erkannt, und darüber bin ich sehr froh.
Wie hat Ihr Mann Nick Cannon Sie damals wahrgenommen?
Er sieht mich immer so, wie ich bin — ohne alle Masken. Und er liebt mich auch so, wie ich bin. Viele Leute haben ihre vorgefertigte Meinung von mir, und es ist schwierig, sich damit auseinanderzusetzen und zu sagen: “Ich bin nicht so, sondern völlig anders.” Aber ich habe jetzt die Starke dazu. So gesehen erlebe ich jetzt die glücklichste Zeit meines Lebens.
Trotzdem muss es ein Kampf mit Ihrem Ego gewesen sein. Sie sind doch jemand, der auf sein Aussehen größten Wert legt…
Natürlich, aber das Entscheidende für dein Aussehen ist dein Selbstbewusst-sein. Als ich jung war, war ich noch völlig unsicher. Als ich mit 19 einen Termin bei einer Plattenfirma hatte, meinte jemand zu mir: Lass dich nie von der einen Seite fotografieren, denn auf der siehst du schrecklich aus." Die ganze Welt versuchte, mir einen Minderwertigkeitskomplex zu verpassen. Ich musste das erst abschütteln…
Trotzdem wirkte es schon etwas eigenartig, jemanden mit einem Glamour-Image wie Sie in einem aufwühlenden, düsteren Sozialdrama zu sehen.
Die meisten Leute glauben, ich sei in einer magischen Blase geboren worden. Plötzlich sprang ich heraus und sang hohe Noten. Großer Irrtum: Ich stamme nicht aus einem Königshaus, und ich bin in meiner Jugend nicht auf Rosen gebettet gewesen. Einige Mitglieder meiner Familie haben sich früher wüste Feuergefechte geliefert.
Und Sie standen mittendrin im Kugelhagel?
Eigentlich ist es mir sogar peinlich, dass die Öffentlichkeit das erfährt. Das alles geschah in der Familie meines Vaters, die in Harlem lebte. Mit diesen Leuten durfte ich nicht mal reden. Wir selbst waren zum Glück nach Brooklyn gezogen. Aber ich lebte trotzdem unter sehr bescheidenen Umständen. Und weil ich die Tochter eines schwarzen Vaters und einer weißen Mutter war, fühlte ich mich ständig wie eine Außenseiterin.
Wie kam Ihnen da der Gedanke, dass Sie sich in der Showbranche durchboxen könnten?
Zum Glück hatte ich Hilfe. Als Kind habe ich mich in die Musik geflüchtet, auch aus meiner Beziehung zu Gott schöpfte ich viel Kraft. Und meine Mutter gab mir den Glauben an mich selbst. Sie sagte immer: “Du wirst ein Star werden.” Die Leute meinen ja immer: “Was dich nicht umbringt, das macht dich stärker.” Und es stimmt, ich habe solche Scheiße erlebt und habe daraus meine Stärke gewonnen.
Gehört dazu auch Ihre Ehe mit Ihrem Förderer Tommy Mottola, von dem Sie sich 1998 wieder scheiden ließen?
Eindeutig. Es war eine sehr schwierige Beziehung, in der mir mein Ex-Mann übel mitspielte - und das nicht nur emotional, sondern auf verschiedenste Weise. Ich will darüber jetzt kein Wort mehr verlieren, das ist Vergangenheit. Ich bin dadurch aber als Person gewachsen. In meiner damaligen Ehe durfte ich mich auch nicht als Schauspielerin versuchen. Mein Mann erlaubte das nicht. Und jetzt kann ich endlich als Künstlerin das tun, was ich will.
Aber bei Ihrem ersten Gehversuch als Schauspielerin erlebten Sie gleich eine Bruchlandung: Glitter fiel 2001 bei Kritik und Publikum gnadenlos durch.
Und warum müssen wir neun Jahre später noch davon reden? Sie sollten eines nicht vergessen: Der Film kam am 11. September heraus. Ich kann mir kein schlimmeres Startdatum vorstellen.
Sie stehen also dazu?
Es ist nicht der schlimmste Film aller Zeiten. Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich ihn nicht mehr machen. Egal, wie viel man mir bezahlt. Aber damals bewarb ich mich für verschiedene Nebenrollen - aber niemand wollte mich anheuern. Also ließ ich mich darauf ein — aber ich merkte gleich, was das für ein Chaos war. Wir hatten bei Drehbeginn noch nicht mal ein fertiges Drehbuch.
Woher kommt überhaupt das Bedürfnis, sich als Schauspielerin zu versuchen?
Ich will eine andere Seite meines Selbsts ausdrücken. Ja, ich liebe es, eine glamouröse Sängerin zu sein, aber ich suche auch die harte Tour. Ich will die ganzen Schichten der Mariah Carey abwerfen und in eine andere Identität schlüpfen. Es ist bloß nicht ganz einfach, denn die Leute nehmen mich natürlich anders wahr. Und das muss ich durchbrechen.