Das Stehauf-Mädchen

Vom Superstar nach ganz unten und zurück: Mariah Carey wieder da, und besser als je zuvor.

Amica (DE) April 2005. Text by Okka Rohd.

Draußen in der Dämmerung wird der Regen wieder stärker. In Saal eins des Londoner Soho-Hotels warten 150 Journalisten darauf, endlich die neue Platte von Mariah Carey zu hören, und ihre Stimmung passt zum Wetter. Es ist nicht das erste Mal, dass Madame auf sich warten lässt. Interviewtermine? Dreimal verbindlich zugesagt. Und dreimal im allerletzten Moment wieder abgesagt, tut uns leid, wir melden uns wieder. Auch heute ist Carey zu beschäftigt, um persönlich vorbeizuschauen. Für nächste Woche sieht es aber wirklich gut aus, verspricht die Promoterin, noch eine Garnele?.

Nach fast zwei Stunden öffnen sich endlich die Türen von Saal zwei. Ein Kinosaal, vor der Leinwand stehen eine riesige Anlage und ein schwerer Ledersessel, in dem Def Jam-Plattenchef Antonio L.A. Reid Platz nimmt. Schwarzer Anzug, schwarze Krawatte, weißes Einstecktuch und ein Grinsen auf dem Gesicht. “Ladies and Gentlemen,” sagt er, “It's Like That.” Dann drückt er aufs Knöpfchen.

Es dauert ein paar Sekunden. Aber dann geschieht etwas. 150 Musikkritiker, die eben noch völlig entnervt ins Leere gestarrt haben, richten sich so kerzengerade auf, als wäre ein Stromschlag in sie gefahren. Die Ersten beginnen, mit den Kopf zu nicken. Noch ein bisschen zögerlich am Anfang, dann ohne auf die Kollegen zu achten. Beim zweiten Refrain verliert Reihe drei die Contenance, und L.A. Reid da vorne in seinem Ledersessel fängt an, Luftkeyboard zu spielen.

Es ist einer von diesen magischen Momenten, um die es in der Popmusik geht, wie sie aber nur noch selten vorkommen. Ein Augenblick, in dem es nicht ums Business und ums Image geht und nicht darum, dass irgendein Star etwas Neues gemacht hat, das nun unter die Leute gebracht werden muss. Sondern nur noch darum, dass man von einem Lied und einer Stimme umgeschmissen wird, dass plötzlich alles von einem abfällt, was eben noch gestört hat, dass man von einer Sekunde auf die andere glücklich wird.

Mariah Carey singt nicht, sie cremt. So voll und satt und unwiderstehlich wie mundwarmer Karamellpudding. Süß mit ein ganz klein wenig Bitternis. Und so köstlich, dass man mit dem Finger hineinlangen will oder noch besser gleich darin baden.

Sechs Lieder und 30 Minuten lang geht das so, mehr ist noch nicht fertig von The Emancipation Of Mimi, wie das im April erscheinende Album heißt. Als die Journalisten wieder nüchtern sind, wissen sie: Mariah Carey ist nicht nur wieder da, sie ist besser als je zuvor. Nicht mehr dieses Goldkehlchen, das zwar mehr Oktaven schaffte als jede ihrer Konkurrentinnen, aber dabei immer so klang, als wäre viel Geld nötig gewesen, um sie zum Singen zu überreden. Nicht mehr so verdammt gebremst. Das hier ist kein erster Gang mehr, das ist das durchgetretene Gaspedal einer Stretchlimousine. Mit einem Mal klingt Careys Stimme, als hätte man sie endlich freigelassen.

Die letzten Jahre waren keine guten für Mariah Carey. Bei einer Live-Show von MTV brabbelt die Sängerin im Juli 2001 so wirres Zeug, dass der Moderator sie vor laufender Kamera für verrückt erklärt. “Ich weiß nicht, was gerade mit meinem Leben passiert,” hinterlässt sie wenige Tage später auf ihrer Website — eine verzweifelte Botschaft, die nicht so schnell wieder gelöscht werden kann, wie die Gerüchtemaschinerie anrollt. Carey, heißt es, hat die Trennung von ihrem Langzeitlover Luis Miguel nicht verkraftet. Carey, heißt es, hätte ein Burger-Restaurant in einem Wonderwoman-Kostüm besucht. Carey glaubt, Marilyn Monroe hätte zu ihr gesprochen — aus ihrem Klavier! Die Medien schlachten Careys Verwirrtheit gnadenlos aus, und die Sängerin liefert zuverlässig neues Futter. Völlig erschöpft von endlosen Promotionterminen für ihren Film Glitter, für den sie gleichzeitig den Soundtrack aufnimmt, bricht sie schließlich zusammen und wird in ein Krankenhaus eingeliefert. Kino- und Plattenstart werden verschoben, sämtliche Auftritte abgesagt. Als Glitter dann ausgerechnet kurz nach dem 11. September 2001 in die US-Kinos kommt, interessiert sich niemand mehr für die Geschichte eines exzentrischen Stars. Und die CD mit dem Soundtrack, ihr erstes Album bei Virgin Records, die für Carey unfassbare 80 Millionen Dollar bezahlt haben, verkauft sich so miserabel, dass die Plattenfirma im Februar 2002 den Vertrag für die nicht minder stattliche Summe von 28 Millionen Dollar wieder auflöst. In den 90er Jahren hatte Carey jedes Jahr mindestens einen Megaseller gehabt, in der ewigen Bestenliste der Künstler mit den meisten Nummer-eins-Hits liegt sie bis heute auf dem sensationellen dritten Platz — gleich hinter den Beatles und Elvis Presley. Und nun ist sie am Ende.

Vielleicht ist genau dieser Erfolg der Grund für ihren Absturz. Je besser sich ihre Platten verkauften, je größer die Ansprüche an sie wurden, desto leichter konnte sie sich mit Perfektionismus und ihrem Celebrity-Status betäuben. Im Gegensatz zu ihren Konkurrentinnen hat Mariah Carey es immer versäumt, für sich eine Rolle zu finden, in der sie sich wohlfühlen konnte. Christina Aguilera? Die unverschämte Popdiva. Gwen Stefani? Das coole Punk-Chick. Britney? Das All American Girl. Aber wer war Mariah Carey? Die Popprinzessin oder die HipHop-Braut? Ein unschuldiges Mädchen („Ich kann alle meine Männer an einer Hand abzählen") oder eine sexy Verführerin in goldpaillierten Hot Pants? Wenn man überlebensgroß geworden ist, geht einem manchmal das Leben verloren.

“Sie ist schön, aber fühlt sich hässlich. Sie ist talentiert, aber kann den Klang ihrer eigenen Stimme nicht leiden. Sie versteckt sich hinter ihrer Arbeit und lässt andere Menschen über ihre Identität entscheiden, weil sie zu große Angst hat, auf ihre eigenen Gefühle zu hören,” gab Careys ehemalige Schauspiellehrerin nach dem Zusammenbruch einer britischen Tageszeitung zu Protokoll. Und sie selbst begann plötzlich, über die Gründe für ihre nagenden Selbstzweifel Auskunft zu geben: “Ich hatte nie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Das Einzige, was mich zu etwas Besonderem machte, war meine Musik. Ich hatte nie das Gefühl, wie die anderen Kinder zu sein, weil ich das auch nie war. Wir hatten nie viel Geld. Manchmal musste ich bei Freunden meiner Mutter leben, weil wir kein Dach über dem Kopf hatten. Und das Einzige, was mich durchhalten ließ, war der Glaube daran, dass ich es schaffen kann,” erzählte Carey in der Larry-King-Show über ihre Kindheit, die alles andere als rosig war. Mit drei Jahren lassen sich ihre Eltern scheiden. Sie bleibt bei der Mutter, einer Opernsängerin, die selten zu Hause ist, dafür ständig pleite. Ihre Schwester Alison wird mit 15 schwanger, heiratet mit 16, kommt in Kontakt mit Drogen und Prostitution und infiziert sich mit HIV.

Eines aber hat Carey durch eine Kindheit wie diese gelernt: nicht aufzustecken. Zu kämpfen. Und davon zu träumen, dass jede Aschenbrödelgeschichte ein erlösendes Ende findet. Das macht sich nun bezahlt. Mit derselben Energie, mit der sie vor ihrem Zusammenbruch die Hit-Maschinerie am Laufen gehalten hatte, macht sie sich nun an ihre Selbstheilung. Im Mai 2002 wechselt sie zum hippen Plattenlabel Def Jam und lässt sich im Vertrag künstlerische Freiheit garantieren. Sie unterzieht sich einer Therapie und lernt endlich, wie wichtig Pausen sind. Mit Charmbracelet, ihrem ersten Album nach der großen Krise, liefert sie zwar keinen Mega-seller ab, aber immerhin auch keinen Flop. Mariah Carey scheint zum ersten Mal in ihrem Leben so etwas wie Spaß zu haben. Und sie lässt sich nicht mehr von den Erwartungen anderer einschüchtern, sondern nimmt sich die Zeit, die sie braucht. Für The Emancipation Of Mimi sind es fast zweieinhalb Jahre. Sie verbündet sich mit Künstlern wie The Neptunes, Snoop Dogg oder Jermaine Dupri und nimmt ihr erstes wirklich cooles Album auf. Kein schnell serviertes R&B-Fastfood mehr. Sondern Karamellpudding, voll und satt und unwiderstehlich. Keine Kompromisse mehr: “Zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich frei und schäme mich nicht für das, was ich bin. Ich kann ehrlich sagen: Das bin ich. So bin ich wirklich.”