“Schluss Mit Dem Braven Image”

So richtig konservativ ist sie ja nie gewesen. Doch ab sofort macht die Popprinzessin, was sie will. Und trägt, was ihr gefällt. Sie kann sich das leisten — in jeder Hinsicht

Gala (DE) July 2001.

Auf goldenen Stilettos schwebt sie in die abgedunkelte Suite des Berliner Ritz Carlton, nur mit knappen Jeansshorts und einem weißen Shirt bekleidet. Sexy wirkt sie — aber auch geschafft. Nach der Begrüßung lässt sich Mariah Carey, 31, erschöpft aufs Sofa fallen, eine Erkältung hat die Sängerin geschwächt. Trotz ihrer Heiserkeit kommt es für Mariah jedoch nicht in Frage, das Interview abzusagen: “Schließlich würde es mir noch schwerer fallen, gar nicht zu reden…” Also macht es sich die Popqueen auf dem antiken Möbelstück bequem und erzählt — im Liegen — über ihre Wandlung vom All American Girl zur Sexbombe, über ihre neue Karriere im Film-business und über ihre angeblichen Divaallüren.

Sie haben vor kurzem die Produktionsfirma gewechselt und jetet bei Virgin den größten Vertrag in der Musikgeschichte unterschrieben. Was bedeutet das für Sie?
Natürlich in erster Linie Geld (lacht). Nein, im Ernst: Ich bin total glücklich, weil ich endlich in einer Firma arbeite, in der Frauen in leitenden Positionen sind. Ich bin zwar keine Emanze, aber es hat mich in der Vergangenheit doch oft gestört, dass Frauen immer noch daran gehindert werden, hoch hinauszukommen. Außerdem war für mich die Zeit reif für eine Veränderung

Offensichtlich nicht nur in musikalischer Hinsicht. In letzter Zeit wirken Sie noch sinnlicher als früher. Wie kam es zu der schrittweisen Verwandlung — erst das Mädchen zon nebenan, jetst Sexbombe?
Am Anfang meiner Karriere war es eine gute Entscheidung, mich der Öffentlichkeit mit einem weniger auffälligen Styling zu präsentieren. So konnten sich die Leute auf meine Stimme konzentrieren. Ich bin durch meine Songs bekannt geworden, nicht durch mein sexy Auftreten. Aber nach ein paar Jahren wurde mir das zu langweilig, weil ich nicht wirklich die Mariah darstelite, die ich bin. Auf viele mag es wie eine drastische Veränderung wirken, aber ich war schon immer so. Ich habe schon immer Hotpants getragen. Nur eben nicht in der Öffentlichkeit.

Für diesen Look werden Sie häufig kritisiert — Sie wurden sogar zu einer der am schlechtesten angezogenen Frauen Amerikas ernannt. Tut das toch?
Ich sage Ihnen eins: Ich hasse Businessklamotten, sie sind sterbenslangweilig. Außerdem haben die Leute früher immer gemault: Warum zieht sie nicht mal etwas anderes an? Immer diese hochgeschlossenen biederen Kleider. Heute bin ich einigen zu sexy. Was soll's, man kann es eben nie allen recht machen. Hauptsache ich mag mich so, wie ich bin. Viel zu lange habe ich mir ein konservatives Image aufdrücken lassen. Damit ist jetzt Schluß. In meiner Jugend war ich immer frei und kreativ — schließlich stamme ich aus einer Künstlerfamilie, in der extravagante Showbizfreunde ein- und ausgingen. Als meine Karriere begann, mußte ich einen großen Teil meiner Persönlichkeit unterdrücken. Wenn man jahrelang in der Öffentlichkeit in Rollkragenpullovern und langen Hosen herumlaufen muß, greift man zwangsläufig irgendwann auf Hotpants und knappe Shirts zurück.

Über kaum einen anderen Popstar werden so viele Gerüchte verbreitet wie über Sie. Angeblich stürzen Sie jeden Angestellten mit Ihrem divenhaften Benehmen in tiefe Verzweiflung. Zum Beispiel sollen Sie einmal eine Limousine wieder weggeschickt haben, weil sie nicht die passende Farbe hatte…
Schauen Sie sich diese Schuhe an (streckt ihre goldenen Highheels mit abetragenen Absätzen hoch). Würde eine Diva mit abgewetzten Stilettos durch die Gegend laufen? Meine Shorts sind aus einer alten Jeans, ich habe sie selbst abgeschnitten, und mein Shirt ist aus Feinripp. Wäre ich eine Diva, würde ich hier in einer Galliano-Robe sitzen und mir mit einem Fächer Luft zuwedeln. Als ich drei war, haben sich meine Eltern scheiden lassen. Meine Mutter hat mich allein großgezogen, wir hatten nie viel Geld. Deshalb habe ich den Bezug zur Realität nie verloren. Ich habe wirklich schon die absurdesten Sachen über mich gelesen, zum Beispiel, daß ich auf Licht in Pink in meiner Suite bestehe. Sehen Sie hier irgendwo pinkfarbenes Licht?

Nein. Können Sie über solche Gerüchte lachen, oder schmerzt es Sie, so etwas zu lesen?
Ich nehme es meistens mit Humor. Schließlich ruiniert es nicht mein Leben, wenn sich jemand solche Storys über mich ausdenkt. Die haben die Leser eh am nächsten Tag wieder vergessen. Allerdings gibt es Grenzen. Ich erinnere mich an ein paar Geschichten, bei denen ich weinen mußte — daraus habe ich meine Konsequenzen gezogen. Nachdem zum Beispiel jeden Tag neue Gerüchte darüber verbreitet wurden, mit wem ich gerade eine Affäre haben sollte, beschloß ich, einfach gar nicht mehr über mein Liebesleben zu sprechen. Je mehr ich darüber spreche, desto schlimmer wird es.

Also gibt es keine Antwort auf die Frage, was Sie an Ihrem Freund, dem mexikanischen Sänger Luis Miguel, am meisten lieben?
Alles, was ich dazu sagen kann, ist: Zu einer perfekten Beziehung gehört, daß dein Partner deine inneren Werte liebt. Das ist das Wichtigste. Er muß dich zum Lachen bringen können. Und dir als Freund seine Schulter anbieten, wenn dir nach Weinen zumute ist. Allerdings denke ich über solche Dinge im Moment kaum nach. Ich arbeite so viel, daß fast meine gesamte Zeit dem Job gehört.

Sie haben für den Film Glitter, der im November in die Kinos kommt, nicht nur den Soundtrack geschrieben, sondern Sie spielen auch die Hauptrolle. Möchten Sie jetzt auch im Filmbusiness Karriere machen?
Das Schauspielern bringt auf jeden Fall großen Spaß. Und es ist eine Art Therapie für mich. Früher war ich total unsicher. Ich habe mir immer von anderen einreden lassen, was gut für mich ist und was nicht. Inzwischen weiß ich zum Glück selbst am besten, wer ich bin und was das Beste für mich.

Welche Projekte sind Ihnen zur Zeit am wichtigsten?
Ich habe gerade mit Mira Sorvino den Independent-Film Wise Girls abgedreht — dort spiele ich eine Serviererin, die mit Drogen handelt. Das Kellnern fiel mir sehr schwer; immerhin war ich früher, als ich in Restaurants gejobbt habe, so ungeschickt, daß die Bosse mich immer sofort gefeuert haben. Keine sehr ruhmreiche Erfahrung.

Was ist an den Gerüchten dran, daß Sie das nächste Bond-Girl werden sollen?
Oh, das Gerücht wurde mir auch schon zugetragen. Hört sich ziemlich spannend an…

Ist Pierce Brosnan denn schon auf Sie zugekommen? Wie man hört, möchte er Ihnen extra eine Rolle auf den Leib schreiben lassen.
Wirklich? Ich habe noch nichts von ihm gehört? Aber wenn ich ihn treffe, werde ich ihn darauf ansprechen. Schließlich habe ich schon in einigen Videos gezeigt, daß ich kämpfen kann. Und im Video zu meinem Lied “Honey” habe ich sogar eine Geheimagentin gespielt — vielleicht kommt daher die Idee, daß ich als Bond-Girld geeignet sein könnte.

Noch mal zurück zu Glitter. Der Film ist zwar keine Autobiografie, weist aber gewisse Parallelen zu Ihrem Leben auf: Ein armes Kind träumt davon, ein Star zu werden und schafft es, weltweit Karriere zu machen. Gibt es noch andere Ähnlichkeiten der Filmfigur Billie mit Mariah?
Eine für mich ganz wichtige Ähnlichkeit: Billie ist genau wie ich ein Mix aus verschiedenen Kulturen. Mein Vater ist halb Afroamerikaner und halb Venezolaner, meine Mutter Irin — ich weiß, was für Probleme “Mischlinge” in der Gesellschaft haben.

Inwiefern?
Die Lage hat sich glücklicherweise schon sehr verbessert. Auch ich hatte es schon einfacher als meine beiden älteren Geschwister und vor allem als meine Eltern, die damals in New York noch massiven Anfeindungen ausgesetzt waren. Für mich war es weniger ein äußerer als ein innerer Konflikt: Ich wußte nicht, wer ich bin und wo ich hingehörte.

Möchten Sie einmal Kinder haben?
Ehrlich gesagt, ich weiß es noch nicht. Ich weiß nur, es kann ein großes Problem sein, als Sprößling einer berühmten Person aufzuwachsen.

Was würden Sie einem Kind denn mit auf den Weg geben?
Ich würde ihm vermitteln, daß innere Werte mehr zählen als Äußerlichkeiten. Ich würde es mit anderen zusammenbringen, die nicht das Glück haben, ein so gut situiertes Leben führen zu können. Wenn ein Kind diese Seite des Lebens niemals kennenlernt, besteht die Gefahr, daß es übersättigt und abgestumpft wird. Mein Nachwuchs müßte für sich begreifen: Das Leben, das ich führe, ist nicht selbstverständlich.